Chronik

Erste urkundliche Aufzeichnungen zu Bauernhäusern in der heutigen Reischau lassen sich bis in die Zeit des dreißigjährigen Kriegs zu Beginn des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen. Angeblich waren die beiden Bauernhäuser der Oberreischau früher ein gemeinsames großes Anwesen.

19. Jahrhundert

Bis in das späte 19. Jahrhundert war der Bauernhof im damaligen Oberreischau im Besitz der Familie Wiesinger – daher stammt auch die Bezeichnung „Wiesingergut“. Erst in den 1870er-Jahren kam es zur „freundlichen“ Übernahme durch die Familie Baumgartner als die Tochter des Leopold Wiesinger einen „Baumgartner“ heiratet. Der damals etablierte Hofname „Wiesinger in der Reischau“ ist bis heute in der Nachbarschaft in Verwendung.

Dampfkessel und eigenes E-Werk

Unter Ferdinand Baumgartner (1892-1957) als einzigem Sohn entwickelt sich das Wiesingergut zu Beginn des 20. Jahrhunderts prächtig. Nachdem Ferdinand die Bürgerschule im mehr als dreißig Kilometer entfernten Wels besuchen konnte, gedieh der Bauernhof in den folgenden Jahren zu einem richtigen Herrenhaus. Das vor dem 1. Weltkrieg errichtete Wohnhaus mit aufwändigen Stukkaturarbeiten stellte ein über die Gemeindegrenzen hinaus bekanntes, ehrwürdiges Objekt dar. Als Ferdinand nach dem Krieg aus langjähriger russischer Gefangenschaft zurückkehrte, wurde der Hof um ein eigenes E-Werk am angrenzenden Dambach erweiterte. Dieses lieferte elektrischen Strom, der zum Beispiel in der hauseigenen Schmiede eingesetzt wurde. Die Familie besaß zudem eine eigene Dreschmaschine mit Dampfkessel, mit der sie in der ganzen Region im Ernteeinsatz unterwegs war.

Zu dieser Zeit lebten am Hof neben der Familie mit Alt- und Jungbauern und deren Kindern zumeist vier bis fünf Dienstboten. Der „Mitterknecht“ war deren Chef, zwei bis drei Mägde verrichteten hauptsächlich die Stall- und Hausarbeit. Der Rossknecht war für die Arbeitstiere zuständig. Neben zwei Ochsen waren dazu stets zwei bis drei kräftige Pferde tagtäglich im Einsatz. Sie zogen Maschinen bei der Bestellung der Felder, wurden für das Holzrücken eingesetzt oder nicht zuletzt auch vor die Kutsche gespannt. Die Landwirtschaft umfasste über lange Zeit hinweg rund 50 Joch (ca. 30 ha) sehr schönes Ackerland, das in dieser Form in der ganzen Region einmalig ist und die Voraussetzung für eine lang anhaltende Blütezeit des Hofes darstellte.

Wiederaufbau

Nach den harten und wirtschaftlichen mageren Jahren des 2. Weltkrieg machte sich die Zeit des Wiederaufbaus auch in der Reischau bemerkbar: Während am Nachbarhof das Wohnhaus neu errichtet wurde, bauten die Baumgartners 1954 eine neue Scheune und zwei Jahre später einen neuen Stall. Vor allem die Scheune stellte mit einer Grundfläche von fast 600 m² für damalige Verhältnisse ein einmaliges Bauwerk dar. Für die Errichtung wurden eigens Zimmerer aus dem Innviertel herbeigeholt. Ungefähr zur selben Zeit wurde der Arbeitsalltag durch die Anschaffung eines Traktors wesentlich erleichtert – die große Zeit der Pferde sollte am Hof erst rund 60 Jahre später wieder aufleben.

Kühe, Schweine, Hühner

Um 1965 wurde die Betriebsform des Bauernhofs umgestellt: Vom bis dahin geführten gemischten Betrieb wurde auf reine Schweinezucht umgestellt. Durch die Errichtung eines spezialisierten Mastschweinestalls anstelle des historischen Kuhstalls aus dem 19. Jahrhundert in den frühen 1980ern konnten zu Spitzenzeiten rund 400 Mast- und 35 Zuchtschweine untergebracht werden. Zu Beginn der 1990er Jahre erfolgte eine weitere Betriebsumstellung auf Legehühner, bevor der landwirtschaftliche Betrieb noch vor der Jahrtausendwende eingestellt und der überwiegende Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche veräußert wurde.

Pferdezeit

Im Herbst des Jahres 2011 wechselten erstmals nach mehreren Jahrhunderten die Besitzverhältnisse am Wiesingergut in der Reischau. Unter Familie Gratzl wurde aus dem Bauernhof, auf dem vormals hauptsächlich Kühe, Schweine und Hühner gehalten wurden und Pferde nur als Arbeitstiere zum Einsatz kamen, ein Ausbildungszentrum für Reiter und Pferd.

Dazu wurde zuerst der Stall umgebaut. Der ursprüngliche Kuh- wurde zu einem Pferdestall mit geräumigem Offenstallbereich, fünf Paddock- und zwei Innenboxen adaptiert. Aus der ehemaligen Wirtschaftsküche wurde eine beheizte Sattelkammer für bis zu drei Pferde mitsamt Waschplatz. Der Mistplatz wurde vergrößert, eine befestigte Zufahrt und ein geräumiger Wendeplatz hinter der Scheune angelegt. Die Tragkonstruktion der Scheune wurde saniert – abermals von Zimmerern aus dem Innviertel – und vollständig neu eingedeckt. Der massivste Eingriff wurde jedoch im ehemaligen Schweinestall vorgenommen: anstatt mehrerer hundert Mastschweine beherbergt das Gebäude nun eine kleine, aber feine Reithalle. Der ganzjährige Reitbetrieb ist damit ohne Einschränkung sichergestellt.

Bilder
Hof in der Reischau im Jahr 1960
Hof in der Reischau im Jahr 1985
Hof in der Reischau im Jahr 2014
Hof in der Reischau im Jahr 2014
Hof in der Reischau im Jahr 2014